Interview Berliner Zeitung 6.9.2017

"Durch eine geänderte Statistik wird keine Packung mehr gesammelt"

Der Abfall soll künftig stärker wiederverwertet werden. Aus dem jahrelang diskutierten Wertstoffgesetz wurde allerdings nichts. Ersatzweise gibt es nun ein Verpackungsgesetz - aber so richtig zufrieden ist niemand damit. Wir sprachen mit Michael Brandl, dem Geschäftsführer der ReCarton GmbH, der sich um das Recycling von Getränkekartons kümmert.

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Herr Brandl, müssen sich die Berliner ab 2019 wieder auf ein neues Müll-Sammelsystem einstellen?

Für die Berliner ändert sich nichts. Sie können weiterhin Verpackungen und andere Wertstoffe aus Plastik und Metall in einer Tonne sammeln und sollten das auch verstärkt tun. Allerdings ist es schade, dass am Streit über Zuständigkeiten eine bundesweit einheitliche Wertstofferfassung vorerst gescheitert ist. Im Gegensatz zu Berlin landen verwertbare Gebrauchsgegenstände in den meisten Kommunen im Abfall oder in der privat finanzierten Verpackungsentsorgung. Das sollte auf Dauer nicht so bleiben. Es gibt keinen Grund, einen alten Plastikeimer rechtlich und finanziell anders zu behandeln als eine Verpackung aus dem gleichen Material. Beides landet am Ende in den gleichen Recyclinganlagen.

Wäre es besser, der Bundesrat hätte das Gesetz gestoppt?

Das wäre fatal gewesen. Mehr Recycling ist möglich, da sind sich alle einig. Es musste jetzt etwas passieren und nicht erst, wenn irgendwann die politische Konstellation für den großen Wurf passt. Die Wirtschaft braucht Planungssicherheit. Ohne höhere Recyclingquoten wird niemand in neue Sortier- und Verwertungsanlagen investieren. Und ohne das Gesetz ist eine faire Verteilung der Kosten auf alle Marktteilnehmer nicht möglich. Das Thema wird auf der politischen Tagesordnung bleiben.

Umweltverbände kritisieren die Recyclingquoten als nicht ehrgeizig genug.

Quoten müssen aber auch erreichbar sein. Das Gesetz sieht deutliche Steigerungen vor. Besonders bei Kunststoffen. Hier gibt es den größten Handlungsbedarf. Aufgrund der bislang niedrigen Quote von 36% gab es für die Kunststoffbranche bislang keinen Anreiz, mehr zu tun. Jetzt liegt die Latte bei 63 %. Um das zu schaffen sind erhebliche Anstrengungen bei Sortierung, Verwertung und bei der Entwicklung neuer Absatzmärkte für Recyclate notwendig. Und vor allem: Das Verpackungs-Design wird sich ändern müssen. Viele Kunststoffverpackungen werden heute verbrannt, weil sie nicht sortierbar oder nicht recyclingfähig sind.

Wäre nicht auch bei Altglas, Papier oder Getränkekartons mehr möglich?

Im Vergleich zu Kunststoffen müssen Glas-, Metall- und Papierverpackungen schon seit 20 Jahren mehr als doppelt so hohe Quoten nachweisen. In den nächsten fünf Jahren ist das Ziel 90%. Auch die Hersteller von Getränkekartons haben in der Vergangenheit ihre Hausaufgaben gemacht: Seit 1991 wurden über 3 Millionen Tonnen verwertet. Die Recyclingquote liegt derzeit bei 70%. Da noch 10% drauf zu packen, ist ambitioniert aber möglich. Jetzt kommt es darauf an, noch mehr zu sammeln und die Sortieranlagen auszubauen. Aber die höchsten Quoten im Gesetz bringen nichts, wenn die Bürger nicht mitmachen. Wir müssen deshalb wieder mehr darüber reden, dass das richtige Trennen von Abfall sinnvoll und wichtig ist.

Die amtliche Recyclingquote wird danach berechnet, wie viel in die Recyclinganlagen hineingeht nicht aber, was wirklich in neuen Produkten eingesetzt wird. Kritiker sprechen von Recyclinglüge.

Solches Skandalgeschrei trägt eher dazu bei, dass in Zukunft weniger statt mehr gesammelt wird. Richtig ist, alles, was in den Packungen an Lebensmittelresten verbleibt, wird mit gewogen. Ebenso das, was falsch sortiert wird. Bei jedem Recyclingprozess fallen Reststoffe an. Diese sind aber von Anlage zu Anlage verschieden. Aber selbst wenn es eine neue, rechtssichere und überprüfbare Berechnungsmethode gäbe – was wäre damit gewonnen? Die Quoten für alle Verpackungen wären niedriger und die Gutachter würden sich über ein neues Arbeitsbeschaffungsprogramm freuen. Transparenz ist wichtig, aber durch eine geänderte Statistik wird keine Packung mehr gesammelt und verwertet. Entscheidend ist, dass die Hersteller ihre Verpackung so gestalten, dass sie möglichst aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden und gut recycelbar sind. Beides steht im Gesetz.

Und diesem Anspruch wird der Getränkekarton gerecht?

Getränkekartons bestehen bereits zu drei Vierteln aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz - alle vom FSC zertifiziert und das weltweit. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden auch Kunststofffolien, Verschlüsse und das Aluminium durch nachwachsende Alternativen ersetzt. Erste Verpackungen sind schon auf dem Markt. Die Nachfrage von Papierfabriken nach gebrauchten Getränkekartons ist größer als das, was derzeit gesammelt wird. Die langen, reißfesten Fasern eignen sich für viele Kartonprodukte. Eine Herausforderung bleibt, auch die Folienreste stofflich zu verwerten. Derzeit gibt es nur wenige Recyclinganlagen im Ausland. Ziel ist, innerhalb der nächsten Jahre auch in Deutschland eine stoffliche Verwertungsanlage für diese Reststoffe zu betreiben.