Standpunkt

Recycling allein macht noch keine nachhaltige Verpackung

Dies ist kein Plädoyer gegen Abfallvermeidung oder anspruchsvolle Recyclingquoten. Allerdings droht die zu starke Fokussierung auf die Recyclingfrage ökologisch kontraproduktiv zu wirken.

Wertstofftonne_670

Glas lässt sich hervorragend recyceln: Kein Verbundwerkstoff, hoher Altscherben-Einsatz und eine Recyclingquote von über 80%. Deshalb meinen auch fast die Hälfte der Deutschen, Einweg-Glasflaschen seien umweltfreundlich. Ökobilanzen beweisen aber das Gegenteil. In fast allen Umweltkategorien schneiden sie deutlich schlechter ab als andere Getränkeverpackungen. Das Beispiel zeigt: Der ökologische Rucksack, den eine wenig ressourceneffiziente Verpackung während ihres Lebensweges mit sich herumschleppt, wird zwar etwas leichter, die ökologischen Effekte des Recyclings werden jedoch in der Öffentlichkeit deutlich überschätzt. Durch Recycling wird auch der Plastikmüll im Meer nicht verschwinden. Völlig an der Realität vorbei sind Werbebotschaften, die sogar den Einsatz von Rezyklaten aus Kunststoffabfällen der gelben Tonne als Beitrag zum Schutz der Weltmeere verkaufen wollen. Dem toten Wal mit Unmengen Plastik im Bauch, der inzwischen zum Leitmotiv politischen Handelns geworden ist, wird es letztendlich egal sein, woraus die Plastikflaschen hergestellt wurden, an denen er verendet ist. Für den Meeresschutz ist auch nicht entscheidend, wieviel Plastikmüll vermieden, recycelt oder verbrannt wird. Hauptsache er gelangt nicht ins Meer.

 Wettlauf um hohe Recyclingquoten

Damit kein Missverständnis aufkommt: Dies ist kein Plädoyer gegen Abfallvermeidung oder anspruchsvolle Recyclingquoten. Allerdings droht die zu starke Fokussierung auf die Recyclingfrage ökologisch kontraproduktiv zu wirken. Politischer und öffentlicher Druck waren zweifellos notwendig, damit Teile der Wirtschaft intensiver über die Recyclingfähigkeit ihrer Verpackungen nachdenken und bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen. Hier sind vor allem die Hersteller und Verwender von Kunststoffen gefordert, die im Wettbewerb mit anderen Verpackungsmaterialien in den letzten 25 Jahren von deutlich niedrigeren Recyclingquoten profitiert haben. Bei aller Begeisterung über besser recycelbare Plastikverpackungen und wachsenden Rezyklat-Einsatzquoten darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass eine ökologisch schlechte Verpackung nicht zu einer nachhaltigen Verpackung wird, nur, weil sie recycelt werden kann. Auch ist nicht jedes Recycling ökologisch sinnvoll. Dem Umwelt- und Klimaschutz ist nicht geholfen, in einen Wettlauf um immer höhere Quoten einzutreten. Sonst besteht die Gefahr, dass mit hohem ökologischem Aufwand mehr Masse statt Klasse produziert wird, und die Hersteller am Ende auf ihren Rezyklaten sitzen bleiben. Die derzeitige Verengung der öffentlichen Diskussion auf das Recycling führt überdies dazu, dass andere Themen weitgehend ausgeblendet werden. Offensichtliche Zielkonflikte zwischen Produktschutz, Klimaschutz und Recyclingfähigkeit spielen nur eine untergeordnete Rolle. Dem Verbraucher, der bei seiner Kaufentscheidung nach Orientierung sucht, werden stattdessen scheinbar einfache Lösungen angeboten: Mehrweg ist besser als Einweg, oder, ganz beliebt: Verbundmaterial ist per se schlechter als Monomaterial. Bei der beliebten, aber ungerechtfertigten pauschalen Verteufelung von Verbundverpackungen scheint es inzwischen keine Rolle mehr zu spielen, wie ressourceneffizient sie hergestellt werden, wie gut sie das Produkt schützen und, ob sie recycelt werden oder nicht. Dies wird der Komplexität ökologischer Zusammenhänge und dem Ziel eines ganzheitlichen Umwelt- und Klimaschutzes nicht gerecht.

 Ziel ist eine kohlenstoffarme Wirtschaft

Mindestens ebenso wichtig wie mehr und besseres Recycling, ist ein Angebot von Verpackungen, die schon bei der Herstellung möglichst wenig fossile Ressourcen verbrauchen und damit „von Geburt an“ einen Beitrag zum Ziel einer kohlenstoffarmen Wirtschaft leisten. Soweit es sich um papierbasierte Verpackungen handelt, haben sie in aller Regel klare ökologische Vorteile gegenüber Kunststoffverpackungen. Sie bestehen aus einem nachwachsenden, klimaneutralen Rohstoff und sind zudem recycelbar. Da es in der momentanen Diskussion leicht in Vergessenheit gerät, sei daran erinnert, dass § 21 des Verpackungsgesetzes außer dem Rezyklat-Einsatz auch Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen fördern will. Getränkekartons werden zu 70 - 80% aus Holz hergestellt. Seit 2016 sind 100% Prozent der Fasern, die von den Herstellern weltweit eingekauft werden, entweder nach dem Standard des Forest Stewardship Councils (FSC) zertifiziert oder stammen aus kontrollierten Quellen. Das sind über zwei Millionen Tonnen Rohkarton. Zudem sind alle Produktionsstandorte von Tetra Pak, Elopak und SIG Combibloc nach den Kriterien des FSC für einen lückenlosen Produktkettennachweis („chain of custody“ (CoC)) zertifiziert. Erklärtes Ziel der Hersteller ist, Verschlüsse und Beschichtungen aus recycelbaren Biopolymeren herzustellen. Erste Verpackungen, die zu 100% aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, sind bereits in den Regalen des Handels zu finden.

Ökobilanzen als Entscheidungsgrundlage

Während die EU-Kommission bei ihrer Richtlinie zu Einwegplastik leider in vielen Fällen auf eine vernünftige Folgenabschätzung verzichtet hat, weist die Bundesregierung im Koalitionsvertrag erfreulicherweise darauf hin, dass „Ökobilanzen als Entscheidungsgrundlage für politisches Handeln“ genutzt werden sollen. Damit müssen sich auch Hersteller und Vertreiber von Mehrwegverpackungen dem ökologischen Wettbewerb stellen. Auch sie sind dem Klimaziel verpflichtet. Der gebetsmühlenartige Hinweis auf Abfallvermeidung kann kein ökologischer Freibrief sein, wenn im Einzelfall nachgewiesen wird, dass an anderer Stelle höhere Umweltlasten entstehen. Auch der Bundestag erwartet in einem Entschließungsantrag zum Verpackungsgesetz, dass vor einer Diskussion über möglicherweise weitere Maßnahmen zum Schutz von Mehrwegverpackungen, aktuelle Erkenntnisse aus ökobilanziellen Untersuchungen vorliegen müssen. Die Hersteller von Getränkekartons kommen dieser Forderung nach und haben als erste Branche eine Ökobilanz nach den neuesten Anforderungen des Umweltbundesamtes (UBA) erstellen lassen. Die Studie zu Milch- und Fruchtsaftverpackungen wurde vom Institut für Energie und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) erstellt und liegt dem UBA zur Prüfung vor. Sobald diese abgeschlossen ist, werden die Ergebnisse präsentiert.